noch eine schreibübung…

Und wieder mal ein Text, der aus einer Schreibübung heraus entstanden …

Ich hatte schlecht geschlafen heute Nacht. Immer wieder war ich aus seltsamen Albträumen hochgeschreckt, die mich verwirrt und ängstlich zurück gelassen hatten, an die ich mich aber jetzt im strahlenden Licht der Junisonne nicht mehr erinnern konnte. Zurück blieb nur ein vages Gefühl von Unruhe und drohender Gefahr. Dementsprechend schlechte Laune hatte ich und mir graute vor der Vorstellung den halben Tag im Büro zu sitzen und irgendwelche Manuskripte von irgendwelchen Möchtegern-Schriftstellern lesen zu müssen.

Ich nahm den letzten Schluck Kaffee und warf den leeren Pappbecher irgendeiner To-Go-Marke in den nächsten Mülleimer. Dann stieg ich in den Aufzug, der mich im siebten Stock des Verlagsgebäudes, in dem ich arbeitete, wieder ausspuckte. Etwas schleppend und müde trottete ich zu meinem Schreibtisch und blickte auf meinen aufgeräumten Schreibtisch. Wo waren denn übers Wochenende all die Stapel von ungelesenen Manuskripten hin gekommen, die ich noch abarbeiten musste? Und was sollte der sichtlich benutzte, halb volle Kaffeebecher auf meinem Tisch? Ich trank nie Kaffee während der Arbeitszeit. Ein Becher morgens reichte mir vollkommen.

Noch erstaunter war ich, als auf einmal ein mir gänzlich unbekannter Mann um die Ecke bog, wie selbstverständlich vor meinem Computer Platz nahm und mich fragend anschaute. „Kann ich Ihnen helfen? Das ist eigentlich kein öffentlicher Besucherbereich.“ sprach er mich dann an. Ich musste lachen. „Entschuldigung – das wäre ja wohl mein Satz gewesen. Sie sitzen schließlich an meinem Schreibtisch. Also müsste ich Sie ja wohl fragen, was Sie hier machen.“ „Hm“, der Fremde strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Da müssen Sie sich vertun. Haben Sie vielleicht erst neu hier angefangen und sich eventuell verlaufen? Die Büros sehen alle recht ähnlich hier aus.“ Und dann passierte etwas, was mich vollends verwirrte. Er drehte das Namensschild vom Schreibtisch, auf dem mein Name stand, zu mir herum und sagte „Sehen Sie, das bin ich. Henry Irving. Das ist mein Platz.“ Fassungslos starrte ich auf das Namensschild, dann auf den Mann und brach schließlich in lautes Gelächter aus. „Hören Sie, wenn das ein Scherz von George sein soll, dann ist es kein besonders witziger. ICH bin Henry Irving und an diesem Tisch arbeite ich seit fast fünf Jahren. Also bitte.“ Ich wedelte auffordernd mit der Hand und bedeutete ihm, dass er verschwinden sollte.

Das Lächeln auf dem Gesicht des Mannes erlosch und etwas wie Angst flackerte in seinem Blick. „Ich verstehe nicht … ICH arbeite seit über sieben Jahren hier und ICH bin Henry. Was wollen Sie von mir?“ Suchend und ängstlich blickte er sich um. Ich schüttelte verwirrt den Kopf und mir wurde etwas flau im Magen. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Dann fiel mir etwas ein und ich fing an, in meiner Jackentasche zu kramen. „Hier, warten Sie. Ich kann Ihnen beweisen, dass ich Henry Irving bin.“ Mit diesen Worten zog ich meinen Ausweis hervor und hielt ihm das Kärtchen unter die Nase. „Na, was sagen Sie jetzt?“ schloß ich triumphierend.

Miles schüttelte den Kopf. Was war ihm denn da für ein Manuskript untergekommen? Er schlug den Hefter zu und blickte auf das Titelblatt. „Henry Irving – Geheimnisse“.  Aha – autobiographish angehaucht, dachte Miles belustigt. Aber ansonsten hätte der Autor über ihn schreiben können – er hatte seinen bisherigen Tag schon ziemlich gut getroffen. Auch Miles war heute morgen aus Albträumen hoch geschreckt und auch ihm reichte morgens eine Tasse Kaffee. Miles Blick strich über seinen Schreibtisch, der mit Notizzetteln und Stapeln von Manuskripten übersät war und schmunzelte in sich hinein. Auch das passte. Nur gut, dass er Miles Black hieß und nicht Henry Irving. Er schlug den Hefter wieder auf und blätterte zu der Stelle, die er zuletzt gelesen hatte.

Der Mann mir gegenüber blickte auf den Ausweis, dann in mein Gesicht und verzog das Gesicht. Es war ein Ausdruck zwischen Hilflosigkeit und Belustigung, was ich da in seinem Gesicht lesen konnte. „Nun“, sagte dieser dann. „Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen, Mr. Black,“

– ich stutzte und las den Satz nochmal –

„aber dort steht ja eindeutig Ihr Name unter Ihrem Bild: Mr. Miles Black.“

What the … was sollte das denn nun? Wollte mich da jemand verarschen? Hastig las ich weiter.

Ich drehte den Ausweis in meiner Hand. Tatsächlich – mein Bild, meine Adresse, jedoch ein vollkommen anderer und mir fremder Name. Miles Black. Was sollte das nur? Schlief ich noch? Träumte ich? Dann war es allerdings zugegebener Maßen ein sehr real wirkender Traum. Ich blickte hoch……

Was war das denn nun? Wo waren denn die anderen Blätter hin? Warum endete die Geschichte mittendrin. Und was – verdammt noch mal – hatte sein Name in dieser Geschichte von einem ihm wildfremden Menschen zu suchen? Zufall oder wollte ihn da jemand ärgern? Miles wischte sich mit der Hand die Schweißperlen von seiner Stirn. Verwirrt blickte er um sich und betrachtete die halbhohen Stellwände, mit denen die einzelnen Arbeitsplätze abgetrennt waren. Vereinzelte Geräusche erklangen, wenn seine Kollegen mit der Maus etwas anklickten oder ihren Stuhl hin und her rückten. Aber kein unterdrücktes Kichern oder sonst etwas, was darauf schließen lassen würde, dass sich hier jemand einen Scherz mit ihm erlaubte.

Miles blickt erneut auf den Hefter in seiner Hand und murmelte leise vor sich hin. „Henry Irving – irgendwie kommt mir dieser Name bekannt vor. Aber woher nur? Henry Irving….“

 

Stirnrunzelnd blickte Dr. Hirving durch das Glasfenster in den Raum, in dem sich ein spärlich gekleideter Mann, leise vor sich hin murmelnd, auf dem weich gepolsterten Boden hin und her wiegte. „Nein“, sagte er dann zu seinem Kollegen, „es gibt noch keine Verbesserung.“

……..

 

 

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7 Gedanken zu “noch eine schreibübung…

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