Heute lese ich …

Heute lese ich … „Britt-Marie war hier“ von Frederik Backman, erschienen als Taschenbuch 2017 im Fischer Verlag.

51h2byubeb1l-_sx326_bo1204203200_ Zum Inhalt lt. Klappentext: Britt-Marie hat ihr Leben lang darauf gewartet, dass ihr Leben endlich anfängt. Sie hat immer versucht, alles schön und ordentlich zu machen. Sehr, sehr ordentlich. Aber irgendwann kann man nicht mehr so tun als ob. Und so verlässt Britt-Marie nach all den Jahren ihren Mann – und sucht eine Arbeit. Borg ist ein Ort, in den eine Straße hinein- und wieder hinausführt. Arbeit gibt es hier schon lange nicht mehr. Das einzige, was noch betrieben wird, sind eine Pizzeria und Fußball. Britt-Marie mag keine Pizza. Und von Fußball hat sie nun wirklich nicht die geringste Ahnung.

„Britt-Marie weiß nicht, wann ihr ihre Ehe entglitten ist. Wann sie abgewetzt und voller Kratzer war, egal, wie oft sie einen Untersetzer benutzte. Früher hielt Kent beim Einschlafen immer ihre Hand, und sie träumte seine Träume. Es war nicht so, dass Britt-Marie keine eigenen Träume hatte, doch seine waren größer, und der, der die größten Träume hat, gewinnt doch immer in dieser Welt. Das hat sie gelernt.“

Britt-Marie ist mir noch aus dem Buch „Oma lässt grüßen und sagt, es täte ihr leid“  bekannt. Dort hat sie mich zum einen ganz schön genervt, zum anderen tat sie mir von Herzen leid.

Dieser Eindruck verstärkt sich zunächst in diesem Buch von Backman. Britt-Marie treibt mich durch ihre pedantische, nervige und schon fast übergriffige Art zu Beginn fast in den Wahnsinn. Dabei ist sie so überspitzt gezeichnet, dass ich trotzdem permanent schmunzeln musste.  Doch je mehr ich in die Geschichte eintauche, um so mehr begreife ich, warum Britt-Marie beschlossen hat, so zu werden wie sie ist.

„Dabei musste sie an Ingrid denken, denn Ingrid liebte alles, was lebendig war. Also rettet Britt-Marie immer wieder heimatlose Pflanzen, um es auszuhalten, sich an eine Schwester zu erinnern, der sie nicht ein einziges Mal das Leben retten konnte.“

Und:

„Willkommen in Borg liest Britt-Marie da, sitzt auf einem Schemel im Dunkeln und starrt auf den roten Punkt, der der Grund dafür ist, dass sie sich auf den ersten Blick in dieses Bild verliebt hat. Derselbe Grund, warum sie Karten liebt. Er ist halb abgekratzt, der Punkt, und die rote Farbe ist ausgeblichen. Aber er ist da, auf halber Strecke zwischen der unteren linken Ecke und der Mitte der Tafel hingemalt, und neben ihm steht: Sie sind hier. – Manchmal kann man leichter damit leben, nicht zu wissen, wer man ist, wenn man wenigstens weiß, wo man ist.“

 

Backman hat einen teilweise sehr speziellen Schreibstil – er schreibt locker und flapsig und oft streut er Wiederholungen ein, die geschriebenes nochmals verdeutlichen und verstärken. Seine kurzen, knappen Sätze sind prall gefüllt mit Emotionen und leicht zu lesen, mit einem tiefen Hintergrund. Dabei erweckt er seine Figuren mit so viel Liebe zum Leben, dass ich Britt-Marie anrufen und sie zum Kaffee einladen möchte.

Und der Autor macht deutlich: Jeder Mensch hat eine Geschichte! Und: Man kann über sich hinaus wachsen. Und: Man kann sich nur selber ändern!

„Vega schießt den Ball über Schotter und Matsch, so dass er einen Meter vor Britt-Marie liegen bleibt. Britt-Marie steckt ihre Liste zurück in die Handtasche und hält sie so fest, dass die Knöchel ganz weiß werden, so wie man es tut, wenn man ein ganzes Leben lang darauf gewartet hat, dass das Leben endlich beginnt. Also macht sie eine Handvoll sehr kleine Trippelschritte und schießt mit aller Kraft zurück. Weil sie nicht mehr weiß, wie man es lässt.“

Dies ist ein berührendes, aber auch tragisches und überaus humorvolles Buch, voller Lebensweisheiten. Ich habe Tränen vergossen – entweder vor Lachen oder weil es mich so berührt hat. Ich spreche eine absolute Leseempfehlung aus und zähle dieses Buch mit zu meinen bisherigen Jahreshighlights!

„Ab einem gewissen Alter drehen sich beinahe alle Fragen, die einen Menschen beschäftigen, eigentlich nur um die eine: Wie lebt man ein Leben?“

 

 

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7 Gedanken zu “Heute lese ich …

  1. „Britt-Marie war hier“ habe ich auch gerne gelesen. Manchmal nervten mich diese Wiederholungen, aber sonst ging es mir wie Dir. Ich war berührt. Und : „Ab einem gewissen Alter drehen sich beinahe alle Fragen, die einen Menschen beschäftigen, eigentlich nur um die eine: Wie lebt man ein Leben?“ passt ja sowieso in meine Zeit. Die „Oma“ und den „Ove“ mochte ich auch sehr. Werde ich bald mal wieder lesen, die drei……

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