Pilgern? – Wie es bei mir war

Liane von Die Reise-Eule  hat mich durch ihren Beitrag zum Pilgern, und dass dies für jeden ein ganz individueller Weg sein kann, nun doch dazu gebracht, euch von meinem Weg zu berichten. Und dies ist für mich ein sehr persönlicher Beitrag ….

20161226_122850_1483100743160 Ich bin nicht im klassischen Sinne gepilgert.
Aber wenn ich Lianes Definition teile, dass wir pilgern, wenn wir an einem für uns fremden Ort sind und wir uns dort auf uns und das wesentliche konzentrieren, dann bin ich tatsächlich schon gepilgert.

Aber von Anfang an…..

Es ist inzwischen bald sechzehn Jahre her, da wurde ich immer unglücklicher und unzufriedener. Ich war zwar glücklich verheiratet und arbeitete in meiner Lieblingsbuchhandlung, aber ich wollte noch etwas: Nämlich Kinder. Fünf lange Jahre versuchten mein Mann und ich es zu diesem Zeitpunkt schon, hatten uns untersuchen lassen (alles ok), hatten alle Register gezogen, die Mann und Frau so ziehen (und nein – hier gehe ich nicht ins Detail) und inzwischen waren wir an einem Punkt angelangt, an dem wir über Adoptionen nachdachten. Allerdings wurde uns in dieser Hinsicht keine großen Hoffnungen gemacht.  Dann wurde eine damalige gute Freundin schwanger und ich fiel in ein bodenloses Loch. Ich war einfach nur unendlich traurig, plagte mich mit Selbstzweifeln und stellte mir v. a. immer wieder die Frage „Warum sie und ich nicht?“

In dieser Situation erinnerte ich mich an Naikan (und ja – das habe ich hier schon ein paar mal erwähnt). Hier in aller Kürze, was Naikan ist. Bei Interesse gelangt ihr über den Link direkt auf die Homepage.

Naikan kommt aus Japan und bedeutet soviel wie Innenschau. Während einer Dauer von meist sieben Tagen zieht man sich im Naikan-Zentrum zurück, schweigend und ohne Ablenkungen wie fernsehen, lesen, Radio hören oder sonstiges und beschäftigt sich mit seiner Vergangenheit unter folgender Fragestellung

1. Was hat eine bestimmte Person (z.B. Mutter) für mich getan?

2. Was habe ich für diese Person getan?

3. Was habe ich dieser Person für Schwierigkeiten bereitet? (Die Frage nach den Schwierigkeiten, die andere Personen mir bereiten, wird nicht betrachtet!)

Während dieser Zeit besucht mich der Naikanleiter in regelmäßigen Abständen und hört meinen Erinnerungen nicht-wertend zu. Dadurch erfährt man einen völlig neuen Blick auf sein eigenes Leben und ist in der Lage, sich mit vielem zu versöhnen (auch mit sich selbst).

Dazu habe ich mich also damals entschlossen. Ich fuhr nach Tarmstedt ins Naikanzentrum. Die ersten zwei Tage waren absolut hart. Nix lesen, nix hören, kein Smalltalk mit den anderen Teilnehmern. Von morgens sechs bis abends um neun war ich nur mit mir beschäftigt. Ich habe geweint, gehadert, bin zum rauchen nach draußen geflüchtet, wollte nach Hause fahren. Aber irgendwann blieb mir ja schon fast nichts anderes übrig, als mich in die Erinnerungen reinfallen zu lassen (weil aufgeben wollte ich dann doch nicht). Und wenn man einmal in diesem Erinnerungsprozeß drin ist, kommen tatsächlich auch sehr frühe Erinnerungen zurück (zumindest bei mir).

Während dieser sieben Tage durfte ich sehr viele glückliche und traurige Erinnerungen erleben. Und auf einmal sah ich mein Leben unter einer anderen Sichtweise, nämlich was ich alles unsagbar schönes und gutes erfahren durfte. Aber auch für wieviel ich tatsächlich verantwortlich gewesen war…. Und mit dieser neuen Sichtweise verbunden erlebte ich eine tiefe Dankbarkeit, die ich bis heute in mir trage.

Allzu sehr ins Detail möchte ich hier nicht gehen, was ich erfahren durfte. Naikan ist nämlich für jeden Menschen ein sehr individueller Weg, gerade was mit Erinnerungen und damit verbundener, anschließender Veränderung einhergeht.

Für mich war unter anderem am wichtigsten, dass ich erkennen konnte, wie oft ich selber Täter war und dass ich Verantwortung dafür übernehmen konnte. Gleichzeitig war ich damit auch bereit, tatsächliche Verantwortung für mich, mein Leben und damit verbunden vielleicht auch ein Stück weit für andere  zu übernehmen.

Und – was soll ich sagen (und ich betone hier ganz ausdrücklich, dass dies mein ganz persönlicher eigener, nicht übertragbarer Weg war) – kurz nach meinem Naikanseminar war ich schwanger. Für viele ein Wunder. Für mich war es eine logische Konsequenz aus dem, was ich für mich erfahren durfte und verinnerlicht habe.

Als ich zwei Jahre später mit meinem zweiten Kind schwanger war, durfte ich ein zweites Naikanseminar erleben.

Und seitdem trage ich, trotz so vieler Unsicherheiten in mir, doch auch meine Erinnerungen und die Versöhnung mit dem, was war, in mir. Und das macht mich unendlich dankbar und glücklich ….

 

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24 Gedanken zu “Pilgern? – Wie es bei mir war

  1. So persönlich… und so schön geschrieben. Ich bin gerührt, dass du uns BlogleserInnen daran teilhaben lässt. Vielen Dank dafür. Das Seminar hört sich sehr vielversprechend an. Ich muss mal googlen, ob man was im Netz dazu erfahren kann. LG Ela☕

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  2. Oh ja, retreats, möglichst mit Schweigen, sind etwas Großartiges, ob jetzt Naikan oder „nur“ meditieren, es ist immer ein Weg zu sich selbst. Schwierig finde ich nur, sich selbst zu motivieren an so etwas teilzunehmen und dann den ersten Tag durchzustehen. Der Rest ist schön.
    Danke für den interessanten Bericht !

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  3. Ein sehr wertvoller Tipp. Ich hoffe ich selbst brauche es nicht, aber wenn jemand mal Hilfe brauch werde ich mich daran erinnern. Eine ehemalige Freundin hätte diesen Tipp vor 15 Jahren bestimmt nutzen können, statt 3 Monate in die geschlossene zu gehen. Vielen Dank und Gratuliere Dir zu Deiner erfolgreichen Wanderung. Liebe Grüsse

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  4. Es muss tatsächlich nicht immer der weite Pilgerweg sein – warum nicht bei sich selbst anfangen 😉 wunderbare Beschreibung dessen das Du danach ganz bewusst bereit warst für Dich und andere Verantwortung zu tragen….da haben die Kinderlein vermutlich schon in der Warteschlange gestanden und konnten dann endlich auf den Weg gebracht werden in’s wunderbare Erdenleben 😊

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  5. Ich kenne inzwischen drei Frauen, die, nachdem sie durch eine riesige persönliche Krise gegangen sind (wegen unerfülltem Kinderwunsch trotz *wasauchimmerunternommen*) und sich damit arrangiert hatten, dass das Leben für sie auch ohne Kinder lebenswert sein kann, plötzlich schwanger wurden. Ich lese deine Geschichte ähnlich; und ich mag die Idee, deinen Naikan-Retreat als „Pilgern“ (zu sich selbst) zu bezeichnen.
    Liebe Grüße
    Christiane

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  6. Auch ich Danke für diesen persönlichen Artikel – irgendwie hat sich da eine kleine Träne kurz in mein Aug geschlichen, weil Du mit viel Gefühl geschrieben hast.
    Naikan klingt sehr interessant, bis jetzt reflektiere ich nur in ruhigen Minuten mit mir selbst, interessanterweise auch wenn ich leichten „groll“ gegen jemanden verspüre, damit die „negativen“ Gedanken wegkommen und ich wieder positiv/neutral gegenüber dieser Person sein kann – aber wirklich tagelang ohne Ablenkung klingt sehr interessant für mich. Zumal man ja wirklich immer wieder etwas über sich selbst lernt wenn man bereit ist zu reflektieren.

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  7. Danke für die sehr persönlichen Zeilen und Erinnerungen. Von Naikan hatte ich vorher noch nie gehört, schade, hätte mir in schweren Zeiten sicher auch öfter geholfen. Innenschau, immer eine abenteuerliche Reise und oft ein schwerer Weg, aber dennoch bleibt der Aufstieg nicht aus. Danke! Glg Herta

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  8. Pingback: Pilgern für Anfänger – Muss es der Jakobsweg sein?

  9. Man selbst kann sich verändern, wenn man das will und das geht nur, wenn man sich – in welcher Weise auch immer – mit sich selbst befaßt. Sich selbst den Spiegel vorzuhalten erfordert Mut und was man zu sehen bekommt, ist die ungeschönte Wahrheit.
    Aber dadurch passiert etwas mit einem selbst und dadurch kommt es auch zu Veränderungen im Leben. Man verlässt seinen persönlichen Gemütlichkeitsdistrikt.

    Ein toller Beitrag, den ich gleich mal in meinem Beitrag verlinken werde, wenns recht ist.

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