Story – Samstag

Da morgen – am Samstag – mein Beitrag zum Buch-Date erscheint, stelle ich mal ganz außer der Reihe heute schon meinen Beitrag zum Story-Samstag online.

Tante Tex ruft uns wieder einmal dazu auf, unsere kreativen Gedanken zu schwingen und etwas zu dem Oberbegriff „Der Schlüssel“ zu schreiben. Dies habe ich einmal relativ frei interpretiert und folgenden Text für euch gezaubert:

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Der Schlüssel zu einer anderen Welt

Sibyll fühlte sich unwohl in ihrem Outfit. Das schwarze, elegante Kleid, das knapp über dem Knie endete und einen doch recht gewagten Ausschnitt besaß, passte eigentlich so gar nicht zu ihr. Normalerweise bevorzugte sie enge Jeans und schlichte Oberteile, mit denen sie nicht auffiel. Nur ihrem Bruder zuliebe, der Besitzer der Galerie war, in der heute Abend eine Vernissage eines bekannten Künstlers statt fand, hatte sie sich von ihrer Freundin May die Klamotten ausgeliehen, die sie gerade trug. Verstohlen zupfte sie am Saum ihres Kleides herum, in der Hoffnung, dass dieses sich dadurch eventuell etwas verlängern würde, aber natürlich vergeblich.

Sibyll schaute vorsichtig um sich, ob jemand etwas von ihren fruchtlosen Bemühungen mitbekommen hatte. Dabei traf ihr Blick eine Bronzeskulptur, die ihr zu zwinkerte. Sibylls Blicke schweifte weiter. Moment! Zugezwinkert? Die Skulptur? Sibyll schluckte. Sie schaute auf das halbvolle Glas Prosecco in ihrer Hand – ihr erstes – und dann wieder auf die Skulptur.

Diese stellte wohl einen kleinen Gnom dar, der voller Stolz sein nacktes Bäuchlein dem Betrachter entgegen reckte. Seine Beine und Füße waren lediglich unter einer weit geschnittenen Hose angedeutet und die Arme hatte er weit nach vorne ausgestreckt, als versuche er sehnsüchtig etwas zu erreichen. Auch sein Gesichtsausdruck sprach von Sehnsucht, aber auch von Stolz.

Und da – schon wieder. Langsam schloss sich das rechte Auge des Gnoms und öffnete sich wieder. Dabei flog ein kurzes Lächeln über seine Lippen. Sibyll schaute sich um, ob sonst noch jemand etwas bemerkt hatte. Aber die anderen Gäste schienen den Gnom nicht  zu sehen, waren mit ihrem Drink oder sich selbst beschäftigt.

Verrückt, dachte Sibyll, war jedoch auch neugierig genug, sich langsam dem Gnom zu nähern, bis sie schließlich direkt vor ihm stand. Zögernd hob sie ihren Blick, bis sie ihm direkt in die Augen schaute. Gleichzeitig hob sie ihre Hand, fast schon wie in Trance, und legte sie dem kleinen Wesen auf den Unterarm.

Ein Strahlen und Glänzen stieg in der Luft auf. Leichtes Gesirre und eine feine, magische Musik erklang. Erschrocken wich Sibyll einen Schritt zurück und starrte den Gnom panisch an. Das Strahlen erlosch und die Musik verklang. Der Gnom starrte blind auf einen Fleck schräg hinter Sibyll und sah aus, als könne ein Wässerchen trüben.

Wieder sah Sibyll sich um, aber auch jetzt schienen die Gäste überhaupt nichts von dem Intermezzo mitbekommen zu haben. Das ist doch …. Sibyll fiel einfach kein Wort dafür ein, was sich hier abspielte. Wollte sich ihr Bruder oder May etwa einen Spaß mit ihr erlauben? Beobachten die zwei sie gerade und amüsierten sich auf ihre Kosten? Suchend sah sich Sibyll um, konnte aber keinen Anhaltspunkt dafür entdecken, dass sie irgendjemand gerade auf die Schippe nehmen wollte.

Mutig und trotzig zugleich schob sich Sibyll wieder näher an den Gnom heran und legte ihre Hand erneut auf seinen Unterarm. Wieder erstrahlte die Luft, wieder ertönte die magische Musik. Diesmal aber hielt Sibyll ihre Hand fest auf den Arm des Gnoms gedrückt und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Dieser richtete seinen Blick fest auf Sibyll und lächelte sie an. Dann sprach er mit heller Stimme: Lass bloß nicht vor lauter Schreck jetzt meinen Arm los. Dann ist die Verbindung direkt wieder gekappt. Du weißt ja gar nicht, wie lange ich auf diesen Augenblick gewartet habe, dass mich endlich jemand sieht.“ „Aber, aber…“, stotterte Sibyll, „wie… ich meine, wer… was bist du? Was soll das?“ Das Lächeln des Gnoms vertiefte sich. „Keine Panik, das ist bestimmt verwirrend für…“ „Verwirrend?“ unterbrach ihn Sibyll. „Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Das ist nicht verwirrend. Das ist total abgedreht und … ach, ich weiß auch nicht. Steckt da May hinter?“ „May? Ich weiß nicht, wer das sein soll. Ich versuche mal, es dir zu erklären. Halt, geh nicht weg“ erwiderte der Gnom und legte seine Hand auf Sibylls Arm, weil sie im Begriff stand, diesen weg zu ziehen. „Bitte, unterbrich den Kontakt nicht. Ich weiß nicht, ob mich sonst jemals wieder jemand wahrnehmen wird.“ Sibyll schüttelte ihren Kopf, tat aber das was der Gnom verlangte und hielt ihre Hand fest auf seinen Arm gepresst. „Weißt du“, begann der Gnom mit tragender Stimme zu sprechen, “ ich bin Maa´sra. Gesandt von den urheiligen Loo´reis, die dringend Hilfe benötigen. Unsre Welt droht vom unheiligen Bscho´ra verschlungen und vernichtet zu werden. Das Orakel hat verkündet, dass nur ein Wesen einer anderen Welt in der Lage ist, das Unheil abzuwenden. Deshalb bin ich und auch andere meiner Art in die verschiedenen Welten gereist, um Hilfe zu suchen.“

Sibyll starrte den Gnom mit weit aufgerissenen Augen und Mund an und war vollkommen fassungslos. Träumte sie oder war das ganze doch nur ein schlechter Scherz. May wusste von ihrer heimlichen Vorliebe für gewaltige, epische Fantasyerzählungen. Aber so etwas würde sie doch niemals tun. Sie auf diese Art und Weise herein zu legen. Aber wenn dies nicht das Werk von ihrer Freundin war, blieb dann nur die Alternative, dass dies tatsächlich passierte.

Ein fast schon wohliger Schauer rann Sibyll über den Rücken. „Ok, nur mal angenommen, absurderweise würde ich dir glauben, was du mir da gerade erzählst – was soll ich dann tun? Ich kann nicht kämpfen oder so was und auch nicht zaubern. ich bin ganz normal…“ Der Gnom schüttelte den Kopf. „Das weiß ich auch nicht. Ich sage dir nur das, was das Orakel geweissagt hat. Ich weiß nicht, was passieren wird oder was du tun musst. Ich bitte dich nur um deine Hilfe und dass du mitkommst, damit unsere Welt weiter bestehen kann.“

So verrückt das alles klingen mochte, Sibyll wußte, das dies die Chance ihres Lebens war. Hatte sie nicht nach jedem Fantasyroman, den sie zu Ende gelesen hatte, heimlich gehofft, dass ihr so etwas auch einmal passieren möge. Vollkommen unrealistisch und doch so verführerisch. Was hielt sie denn hier? Außer ihrer Freundin May und ihrem Bruder, der ihr nicht sonderlich nahe stand, hatte sie eigentlich niemanden, der sie großartig vermissen würde. Ihre Eltern waren tot, andere Verwandte hatte sie nicht und ihr Bio-Studium hatte ihr eigentlich auch noch nie wirklich Freude bereitet. Auch sonst gab es nichts, was sie wirklich in dieser Welt hielt.

Sibyll holte tief Luft. „Das ist das verrückteste, was ich jemals gehört habe, aber aus irgendwelchen Gründen glaube ich dir. Also tue ich jetzt das verrückteste was ich jemals gemacht habe und komme mit dir. Was muss ich tun?“ Maa´sraa schuate ihr tief in die Augen und ein Strahlen erhellte sein zerfurchtes Gesicht. „Ich danke dir von ganzem Herzen. Halte dich einfach weiter an meinem Arm fest und schließe die Augen. Dir wird nichts geschehen.“ Und das tat Sibyll. Und während sie die Augen schloß, verstärkte sich das Strahlen um sie herum und die Musik wurde lauter und lauter, bis sie glaubte, ihr Trommelfell müsse gleich platzen. Dann wurde es schwarz um sie.

Weder May noch Sibylls Bruder sahen Sibyll jemals wieder. Auch eine bronzene Skulptur, die einen Gnom darstellte, verschwand zeitgleich mit ihr und ward nie wieder gesehen.

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27 Gedanken zu “Story – Samstag

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