Sicherheit geht vor …

Der Verkehrswacht-Opa war der Mann von Mathilde . Außerdem war er noch Oberhaupt-Irgendwas-Kommissar ehrenhalber (unter anderem), weil er ehrenamtlich bei oder für die Verkehrswacht tätig war.

Der Verkehrswacht-Opa wohnte in einem großen Hochhaus im achten Stock.  Und ganz unten im Kellergeschoß war die Verkehrswacht untergebracht. Um zum Opa und zu Mathilde zu kommen, mussten wir mit dem Aufzug fahren. Das fand ich als Kind schrecklich. Der Aufzug hatte nämlich lange Zeit keine Türen und man sah während der Fahrt den Beton und die Türen vorbei ziehen. Innerlich sah ich mich immer in rasanter Fahrt während einer Fehlfunktion den Schacht samt Aufzug herunterstürzen.

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Die Aufzugsfahrt hielt den Großen (der auch damals noch der Kleine war) und mich aber nicht davon ab, mit dem Verkehrswacht-Opa zur Verkehrswacht herunter zu fahren. Denn dort lachte unser Kinderherz. Es gab einen – in unseren Kinderaugen – riesigen Raum, in dessen Mitte ein Tisch stand. Auf diesem Tisch war eine komplette Stadt aufgebaut. Mit Häusern, Kirchen, Schulen. Es gab Ampeln und Straßen und Autos und sogar Polizeiautos. Und wir Kinder durften da stundenlang mit spielen. Die Ampeln konnten per kleinem Knopfdruck von rot auf gelb und grün und wieder zurück umgestellt werden (stellt euch jetzt bitte bloß nichts elektronisches vor. Das ging mechanisch) und auch die Autos wurden per Hand hin und her bewegt. Es gab kleine Holzfiguren, die Erwachsene und Kinder darstellten. Und natürlich Verkehrsschilder, die der Große und ich ordnungsgemäß auf unserem überdimensionalen Spielbrett verteilten.

Wurde uns das zu langweilig, bekamen wir vom Verkehrswacht-Opa Blätter mit Verkehrszeichen oder Ampeln darauf, die wir bunt ausmalen durften. Das Büro gehörte immer nur uns alleine (da wir den Opa und Mathilde meistens am Wochenende besuchten). Wir waren die Könige der Verkehrswacht. Manchmal durften wir auch die große Kelle der Polizei in der Hand halten.

Und irgendwann ging es mit dem gruseligen Monster-Fahrstuhl wieder nach oben zu Mathilde. Und der Große und ich forderten wie immer einen großen Löffel Milchmädchen ein. Und als Belohnung durften wir anschließend auch noch den Müll rausbringen.

Ja, das war eine Belohnung für uns. Gab es doch in jedem Flur auf jeder Etage einen Müllschlucker: Eine eiserne Klappe in der Wand, die man aufziehen und seinen Müllbeutel hinein legen konnte. Schloß man diese Klappe dann wieder, rutschte der Müllbeutel in unserem Fall acht Etagen hinunter, um in einen großen Container zu fallen. Dabei hörte man das Rutschen der Tüte und in jeder Etage ein leichtes Stocken, vor allem wenn man die Klappe direkt nach dem Schließen wieder ein Stück öffnete. Das war jedesmal aufregend und gruselig zugleich. Dachten der Große und ich doch insgeheim immer dabei, was wäre wenn einer von uns oder ein anderer Mensch ….

und dann huschten wir zurück in die sichere Wohnung von Mathilde und dem Verkehrswacht-Opa, ließen von Mathilde mit ihrem großen Schlüsselbund die acht Schlösser an der Tür verschließen, krümelten uns auf das alte graue Sofa und ließen uns vom Opa zum hundersten Male Peterchens Mondfahrt vorlesen.

Und wir fühlten uns sicher und geborgen und wußten, uns konnte nichts geschehen …

 

Bildquelle: dvr

 

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10 Gedanken zu “Sicherheit geht vor …

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