Luxus

Letztens redeten mein Mann und ich mit dem Elfenmädchen und dem Räuberhauptmann über die Vergangenheit. Wie ältere Menschen das ab und zu mal tun. Allerdings verfielen wir nicht in so Äußerungen „Früher war alles viel besser“.

Wir erzählten über Telefone und dass unsere Kids eigentlich ein ganz großes Luxusproblem haben (also war früher doch alles besser?).

Ich kann mich an Zeiten erinnern, da hatten wir in unserer Drei-Zimmer-Wohnung ein Telefon. Das sah so aus:

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(Wahrscheinlich war es eher grün, aber dazu habe ich tatsächlich kein Bild gefunden)

Oder, ein paar Jahre später, evtl auch so

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Dann gab es in der Wohnung eine Telefonbuchse. Die war entweder im Wohnzimmer oder im Flur. Da steckte das Kabel drin. Und das Kabel war ca. 1,5 m lang.

Wenn ich als Teenager also telefonieren wollte, lief das folgendermaßen ab: Ich verscheuchte die Wintermami ins Wohnzimmer, drohte dem Großen (der damals noch der Kleine war) schlimmste Prügel an im Falle einer Störung und machte es mir samt Telefon im Flur gemütlich. Und begann zu telefonieren. Nach ca. zwei Minuten fing der Große (Kleine) an, seine Kinderzimmertür aufzureißen und blöde Sprüche zu flüstern/schreien. Nach weiteren zwei Minuten öffnete die Wintermami die Wohnzimmertür und ermahnte mich, zum Ende zu kommen. Ich solle an das Geld denken.

Waaaas?, werden jetzt manche denken. Geld? Ja, so war das – vor ein paar Jahrhunderten Jahren gab es weder Flat noch Telefonie. Da wurden Einheiten gezählt. Sprich eine Minute kostete z.B. 50 Pfennig. Das klingt erstmal nach nicht so viel, aber irgendwann läpperte sich das.  Vor allem, wenn man mich als Tochter hatte 🙂

Da ich also sowieso keine Ruhe hatte und jeder meine Gespräche mithören konnte, beendete ich die Gespräche bald.

Es gab allerdings die Möglichkeit, ein längeres Kabel bei der Deutschen Post (die damals die Telefonmacht inne hatte) zu beantragen. Das musste man schriftlich per Brief machen. Nach ca. acht bis zehn Wochen erhielt man eine Antwort mit einem Termin, an dem die Mitarbeiter der Deutschen Post das längere Kabel liefern und anschließen würden (Nein, das konnte und durfte man nicht selber machen. Das Telefon an sich blieb ja auch Eigentum der Post). Dieser Termin lag wiederum weitere drei bis sechs Monate in der Zukunft.

Und irgendwann war es dann soweit: Das lange Kabel wurde geliefert und angeschlossen. Und das erste was ich tat, war mich mit dem Telefon endlich in mein Zimmer zu begeben und die Türe fest hinter mir zu schließen. Ich hatte extra mein Taschengeld gespart, um möglichst lange mit meiner besten Freundin über meinen neusten Schwarm reden zu können (und ja – wir hatten uns gerade erst vor einer halben Stunde vor der Eingangstür voneinander verabschiedet). Ich nahm den Hörer und lauschte. Kein Ton. Ich wählte probeweise. Kein Ton. Ich legte den Hörer wieder auf. Nahm ihn wieder ab. Kein Ton.

Tür wieder auf. Ab zur Wintermami. „Das Telefon funktioniert nicht. Guck mal bitte“. Die Wintermami kam und schaute und probierte. Kein Ton. Der Große (Kleine) kam und schaute und probierte. Kein Ton.

Wir rätselten.

Bis sich die Wintermami das lange Kabel einmal genauer anschaute und feststellen musste, dass dieses durch mein Schließen der Türe wohl gebrochen war.

Aber ein Anruf bei der Deutschen Post genügte. Wir bekamen einen Termin zur Behebung des Schadens lediglich sechs Wochen später…

(Es könnte übrigens sein, dass ich bei dieser Geschichte meine dichterische oder bloggerische Freiheit ausgenutzt und eventuell leicht übertrieben habe. Vielleicht ist das Kabel nicht direkt bei der ersten Benutzung kaputt gegangen. Vielleicht erst beim dritten oder vierten Mal. Vielleicht ist es dafür aber auch häufiger als einmal kaputt gegangen, weil ich die Zimmertür immer ziemlich heftig hinter mir zu zog……)

bildquelle: zeitklicks

 

 

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22 Gedanken zu “Luxus

  1. Und früher wusste man auch noch Telefonnummern auswendig von seinen Kontakten – oder konnte sie zumindest im Adressbuch nachschlagen…..wenn heutzutage ein Smartphone keine Sicherungskopie hat wären alle Daten weg wenn es mal kaputt ist.

    Wobei so Retro-Adressbüchlein auch ihre Tücken haben…..meine Mutter musste sich neulich ein neues kaufen, weil ich in den letzten 10 Jahren sehr oft umgezogen bin 😉

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  2. Ich erinnere mich so gut und wollte demnächst auch darüber schreiben. Das kann ich mir jetzt sparen! Oh je, diese Kontrolle der Eltern! Mein Vater wollte nicht, dass ich unsere Telefonnummer fremden Leuten (jungen Männern) gebe. Habe ich ab und zu trotzdem getan und dann konnte ich nicht weg gehen, er könnte ja anrufen. In Ruhe telefonieren ging wirklich nicht gut, wenn er dann doch anrief und ich zu Hause war.
    Na ja, meine Kinder glauben mir das alles gar nicht so richtig. Und sie wundern sich, dass ich unterwegs nie telefoniere und mein Smatphone eigentlich auch nur zu Hause für gelegentliche WhatsApp Nachrichten nutze. Ich kann mich einfach nicht an die ständige Erreichbarkeit gewöhnen. Bin wohl doch in einigen Bereichen ein Dinosaurier! Danke für deine tolle Erinnungsgeschichte!

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    • Du kannst doch trotzdem über dein erlbetes schreiben – ich hab da bestimmt keine Probleme mit. Freue mich, wenn ich weiß, dass es anderen ähnlich ging 🙂 Ich muss sagen, dass mich mein Smartphone auch schon gut im Griff hat. Da bin ich ganz bei meinen Kids 😉

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  3. Ui! Telefon war auch oft ein Thema in meiner Teeanagerzeit. Kaum zu Hause, hat man die beste Freundin angerufen, die 3 Minuten entfernt wohnte, und es gab so viel zu reden, dass der Nachmittag gar nicht ausreichte! Meine Eltern haben das auch gar nicht zu schätzen gewusst, dabei war das doch viel besser als es heute ist, wo die Kids nur still vor sich hin texten, selbst wenn sie nebeneinander sitzen und das auch noch mit Kürzeln, die keiner versteht 😉

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  4. Boah. Ihr ward aber modern. Wir hatten noch ein Wandtelefon im Flur. Nix mit Leine. Fest installiert. Null Privatssphäre.Und wenn wir unsere Verwandten in Bayern anrufen wollten, sind wir immer mit meiner Mutter den Berg runter bis zur nächsten Telefonzelle gelaufen, weil das etwas günstiger war, als vom Anschluss daheim.

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  5. Das kommt mir doch alles sehr bekannt vor! Was habe ich das längere Telefonkabel damals gefeiert! Endlich konnte ich ungestört telefonieren. Und es stellte zu Beginn eines Telefonats noch niemand die bescheuerte Frage: „Wo bist Du gerade?“ Weil die Antwort gelautete hätte: „Wo soll ich sein? Am Telefon!“ 😉

    Und heute? O tempora, o mores! Jetzt fühle ich mich alt… 😉

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  6. Ich kann mich an die Zeit noch erinnern. Nicht an die ganz krasse (das Telefon gehört der Post und das Kabel darf nicht eigenmächtig gewechselt werden), aber zumindest noch an die „minutenweise“ Abrechnung. Und die Drohung, gefälligst nicht so lang zu telefonieren. Wir hatten am Telefon immer so ein Zettelchen kleben mit den Tarifen anderer Anbieter, wo man dann die 01030 vorwählen musste, dann die Vorwahl, dann die Nummer, um zwischen 02 und 03 Uhr nachts mit Teldafax günstiger als über den eigenen Tarif zu telefonieren. Hachja. *gg*

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