messerbänkchen

messerbänkchenmeine oma hieß mathilde. gut, mit zweitem namen, aber sie hieß mathilde. wenn meine ma von mir angenervt war, nannte sie mich emma klara mathilde. zufall? als kind war ich total gerne bei meiner oma mathilde (dabei nannte jeder sie eigentlich gi, abgeleitet von ihrem ersten namen gisela, außer mein vater und meine stiefma – die nannten sie vutti, und mein opa hieß mati. heute finde ich das lustig. damals….) also, meine oma….wenn ich bei ihr war, war ich die nummer eins. wenn ich meinen bruder fragen würde, wäre er das wahrscheinlich gewesen. ist das nicht großartig? wenn ein mensch jemanden das gefühl geben kann, immer die nummer eins zu sein und alles dreht sich nur um sie oder ihn?! oma mathilde hat mir das sticken beigebracht. unter anderem. das habe ich nicht so gerne gemocht. ich konnte es auch nicht. überall gab es flecken und ecken und fäden. viel lieber habe ich mit ihr patiencen gelegt. kennt ihr? ein kartenspiel, in dem man möglichst alle karten nach einer bestimmten reihenfolge auf einem stapel ablegen muss. mathilde und ich konnten es stundenlang legen. dazu gab es zwischendurch – für die vitamine – orangensaft mit einem gequirlten eigelb und zucker. bbrrrr – mich schüttelt´s. wer würde das heute freiwillig trinken. damals war es top. schön war auch immer wieder der besuch in mathildes vorratskammer. mathildes größte sorge, dass es nichts mehr zu essen geben könnte. als mensch, der den krieg mitgemacht hat, bestimmt kein schönes gefühl. für meinen bruder und mich der himmel auf erden.einmal am tag wurde mit einem schlüssel, der mit vielen weiteren schlüsseln an einem großen schlüsselbund hing, die kammer aufgeschlossen und auf ca. 5 qm ergossen sich regale. gestapelt bis zur decke mit konserven, eingemachtem und vor allem….kekse, schokolade und noch mehr leckereien. und jeden tag durften wir für uns eine auswahl treffen. unter den wachsamen augen von mathilde und den schlüsseln. dann klappte die tür wieder zu und blieb bis zum nächsten tag für uns verschlosssen. der allergrößte hit war allerdings (und das muss ich jetzt groß schreiben, einfach weil es so geil war und immer noch ist) MILCHMÄDCHEN! und für alle, die es nicht kennen: ausprobieren bitte. letztendlich ist es nichts anderes als gezuckerte kondensmilch, aber weil es von mathilde kam, war es immer mit einer ordentlichen portion liebe versehen. und jedesmal wenn ich mir heute die tube direkt an den mund halte (und nicht mehr fein säuberlich auf einem löffel präsentiert bekomme), ist diese liebe immer noch mit dabei. als hätte mathilde vor ihrem tod in jede tube noch ordentlich liebe mit dazu gepackt….sonst hatte sie es nicht so damit. ihre gefühle großartig zur schau stellen. das gabs nicht. mathilde war ja auch ein mädchen aus gutem hause. da brauchten mädchen keine ausbildung zu machen (obwohl sie ihr leben lang der festen überzeugung war, sie hätte eine ausbildung zur arzthelferin gemacht. witzig, dass das auch mein erster beruf war…). ich weiß noch, wie mein späterer mann bei einem seiner ersten besuche das fotoalbum unter die nase gehalten bekam und er vollkommen ungläubig nach dem auto auf einem der fotos fragte. das, sagte mathilde, ein horch, mit unserem fahrer (horch: zur damaligen zeit, ca. 1920/1930 eine luxuslimousine). ihm fielen fast die augen aus dem kopf, ich schmunzelte. so war das bei mathilde. alles fein nach außen gut bedacht. silberbesteck und feines porzellan, selbst zum nachtisch messerchen und gäbelchen und alles fein mit messerbänkchen (silberne schwäne, die sich heute in meinem besitz befinden). ich kannte es nicht anders und fand es beruhigend, wie sich in dieser geschützten weltenkugel so lange zeit nichts änderte. selbst als mein opa starb (der mir die liebe zu max und moritz, peterchens mondfahrt und lebkuchenhäuser vermittelt hat), änderte sich nicht viel. lediglich die wohnung wurde etwas kleiner. und ich wurde älter. und wie das so ist mit älter werdenden jugendlichen wurden die besuche bei mathilde weniger. lange zeit hatte ich gar keinen kontakt zu ihr. unsere tochter hat sie noch kennen lernen dürfen. da war sie schon dürr und zittrig. kurze zeit später kam sie ins altenheim. dort klammerte sie sich noch einige lange zeit an den rest leben. nicht los lassen. ich glaube, so war sie. meine oma!

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9 Gedanken zu “messerbänkchen

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